Elektroauto laden im Winter – was Sie wissen müssen
Sobald die Temperaturen in Deutschland unter 5 °C fallen, spüren E-Auto-Fahrer es sofort: Die Reichweite sinkt, der Verbrauch steigt, und das Laden dauert länger. Laut ADAC-Tests verlieren Elektroautos im Winter zwischen 20 und 30 Prozent ihrer Reichweite – manche Modelle sogar mehr.
Doch das ist kein Grund zur Panik. Mit den richtigen Strategien können Sie den Winterverlust deutlich reduzieren und Ihr E-Auto auch bei Eis und Schnee zuverlässig laden. In diesem Ratgeber erklären wir, warum Kälte die Batterie bremst und was Sie dagegen tun können – praxisnah und mit konkreten Zahlen.
Warum sinkt die Reichweite im Winter?
Die Physik lässt sich nicht austricksen: Lithium-Ionen-Akkus arbeiten bei 20–25 °C am effizientesten. Sinkt die Temperatur, verlangsamen sich die chemischen Prozesse in den Zellen, und der Innenwiderstand der Batterie steigt. Das hat zwei Auswirkungen:
1. Die Batterie liefert weniger Energie
Bei −10 °C kann die nutzbare Kapazität einer Lithium-Ionen-Batterie um 10–20 Prozent sinken. Das Batteriemanagementsystem (BMS) begrenzt zusätzlich die Entladeleistung, um die Zellen zu schützen. Das führt dazu, dass weniger Energie für den Antrieb und die Heizung zur Verfügung steht.
2. Die Heizung verbraucht viel Strom
Bei einem Verbrenner kommt die Wärme quasi „gratis“ vom Motor. Ein Elektroauto muss die Kabine elektrisch heizen – und das kostet richtig Energie. Je nach Modell und Außentemperatur verbraucht die Heizung 2–5 kW zusätzlich. Bei einer Fahrt von 100 km bei 80 km/h sind das 2,5–6 kWh extra – ein erheblicher Teil des Gesamtverbrauchs.
3. Höherer Fahrwiderstand
Kalte Reifen, zähes Getriebeöl und winterliche Straßenverhältnisse erhöhen den Rollwiderstand um bis zu 10–15 Prozent. Dazu kommen Scheibenwischer, Sitzheizung, Lenkradheizung und Scheinwerfer – alles elektrische Verbraucher, die im Winter häufiger laufen.
Zusammengenommen erklärt das die 20–30 Prozent Reichweitenverlust, die der ADAC in seinen Wintertests regelmäßig misst. Bei extremen Temperaturen unter −15 °C kann der Verlust sogar über 40 Prozent betragen.
Reichweitenverlust nach Modell (ADAC-Daten)
Nicht jedes Elektroauto leidet gleich stark unter Kälte. Modelle mit Wärmepumpe schneiden deutlich besser ab als solche mit reiner Widerstandsheizung (PTC). Hier eine Übersicht auf Basis von ADAC-Ecotest-Daten und Herstellerangaben:
| Modell | WLTP-Reichweite | Winter-Reichweite (ca.) | Verlust | Wärmepumpe |
|---|---|---|---|---|
| Tesla Model 3 LR | 629 km | ca. 450–470 km | ~25 % | Ja (Serie) |
| VW ID.4 Pro | 520 km | ca. 360–390 km | ~27 % | Ja (Serie) |
| BMW iX1 xDrive30 | 440 km | ca. 320–340 km | ~25 % | Ja (Serie) |
| Hyundai Ioniq 5 LR | 507 km | ca. 370–400 km | ~24 % | Ja (Serie) |
| Dacia Spring | 225 km | ca. 140–160 km | ~32 % | Nein |
Fazit: Eine Wärmepumpe kann den Winterverlust um 5–10 Prozentpunkte reduzieren. Achten Sie beim Kauf darauf, ob die Wärmepumpe serienmäßig oder als Aufpreis-Option verfügbar ist. Bei günstigen Modellen wie dem Dacia Spring fehlt sie komplett, was den überdurchschnittlichen Reichweitenverlust erklärt.
Nutzen Sie unseren Ladezeit-Rechner, um zu ermitteln, wie lange Sie bei reduzierter Winter-Reichweite für eine volle Ladung brauchen.
Vorklimatisierung richtig nutzen
Die Vorklimatisierung (auch Standheizung oder Preconditioning) ist der wichtigste Trick für E-Auto-Fahrer im Winter. Dabei wird das Fahrzeug während es noch an der Wallbox hängt aufgeheizt – die Energie kommt also aus dem Stromnetz, nicht aus der Batterie.
So funktioniert es
Fast jedes moderne Elektroauto bietet eine Vorklimatisierung per App oder Timer:
- Tesla: Über die Tesla-App → „Klimaanlage“ → Abfahrtszeit einstellen
- VW ID-Modelle: Über die myVW-App → „Standklimatisierung“
- BMW: My BMW App → „Vorklimatisierung“
- Hyundai/Kia: Bluelink App → „Fernbedienung Klima“
Warum Vorklimatisierung so viel bringt
Wenn Sie das Auto während des Ladens vorheizen:
- Die Batterie ist beim Losfahren bereits auf Betriebstemperatur – sie liefert mehr Leistung und nimmt Rekuperation besser an
- Die Kabine ist warm – die Heizung muss während der Fahrt nur noch die Temperatur halten, statt von −10 auf +22 °C aufzuheizen
- Die Scheiben sind eisfrei – kein Kratzen, keine Sichtprobleme
- Reichweitengewinn: Bis zu 10–15 Prozent mehr Reichweite gegenüber Kaltstart
Stromverbrauch der Vorklimatisierung
Je nach Außentemperatur und Fahrzeuggröße verbraucht die Vorklimatisierung 1–3 kWh für 20–30 Minuten Aufheizen. Bei einem Strompreis von 0,35 €/kWh sind das 0,35–1,05 € pro Vorgang – eine sehr lohnende Investition in Reichweite und Komfort.
Laden bei Minusgraden: So geht es richtig
Kalte Batterien laden langsamer – das lässt sich nicht vermeiden. Aber Sie können den Effekt minimieren.
AC-Laden an der Wallbox
Das Laden an der heimischen Wallbox (typischerweise 11 kW) funktioniert auch bei Minusgraden zuverlässig. Die Ladegeschwindigkeit sinkt bei kalter Batterie nur leicht, weil die Ladeleistung ohnehin moderat ist. Das BMS reduziert die Ladeleistung automatisch, wenn die Zelltemperatur zu niedrig ist – bei AC-Laden macht das meist nur wenige Prozent aus.
Tipp: Laden Sie möglichst direkt nach der Fahrt. Die Batterie ist dann noch warm und nimmt den Strom effizienter auf. Wenn Sie abends nach der Arbeit laden, ist das ideal.
Laden in kalter Garage vs. draußen
Eine unbeheizte Garage bietet bereits einen Vorteil: Sie schützt vor Wind und hält die Temperatur typischerweise 5–10 °C über der Außentemperatur. Das reicht, um den Ladevorgang spürbar zu beschleunigen. Im Freien parken bedeutet, dass die Batterie stärker auskühlt – besonders über Nacht.
Ladelimit im Winter
Manche Experten empfehlen, die Batterie im Winter auf 80–90 Prozent statt nur 80 Prozent zu laden, um den Reichweitenverlust auszugleichen. Das ist völlig unbedenklich – die zusätzliche Belastung der Batterie durch gelegentliches Laden über 80 Prozent bei Kälte ist vernachlässigbar.
Timer-Laden optimal nutzen
Stellen Sie den Lade-Timer so ein, dass die Ladung kurz vor Ihrer Abfahrt abgeschlossen ist. So ist die Batterie noch warm vom Laden und gibt maximale Leistung ab. Die meisten smarten Wallboxen und Fahrzeug-Apps ermöglichen das bequem per Zeitsteuerung – und das spart gleichzeitig Geld, wenn Sie einen günstigen Nachtstromtarif nutzen.
DC-Schnellladen im Winter
Beim DC-Schnellladen (CCS, z. B. an Ionity, EnBW, Fastned) macht sich die Kälte deutlich stärker bemerkbar als beim langsamen AC-Laden zuhause. Hier werden die physikalischen Grenzen der Batterie schnell spürbar.
Warum Schnellladen bei Kälte so langsam ist
Beim DC-Laden fließen hohe Ströme direkt in die Batterie. Sind die Zellen kalt, erhöht sich der Innenwiderstand dramatisch. Um Lithium-Plating (eine irreversible Schädigung der Anode) zu verhindern, drosselt das BMS die Ladeleistung massiv:
- Bei −10 °C kann die Ladeleistung auf 20–30 Prozent des Maximums sinken
- Ein Auto, das normalerweise 150 kW lädt, schafft dann vielleicht nur 30–50 kW
- Die Ladedauer von 10 auf 80 Prozent kann sich von 30 auf 60–90 Minuten verlängern
Batterie-Vortemperierung nutzen
Viele moderne Elektroautos bieten eine automatische Batterie-Vortemperierung, wenn Sie eine Schnellladestation ins Navi eingeben. Das Fahrzeug heizt die Batterie während der Fahrt auf die optimale Temperatur vor:
- Tesla: Automatisch bei Navigation zu einem Supercharger
- Hyundai/Kia (E-GMP): Automatisch bei Navigation zu einer Schnellladestation
- BMW: Automatisch bei Navigation zu einem Schnelllader
- VW ID-Modelle: Je nach Software-Version automatisch oder manuell aktivierbar
Die Vortemperierung verbraucht zwar Energie (typisch 1–3 kWh), aber die deutlich schnellere Ladung macht das mehr als wett – vor allem auf Langstrecken.
ADAC-Tipp für Winterreisen
Der ADAC empfiehlt, bei Winterfahrten früher und häufiger zu laden – also nicht erst bei 10 Prozent, sondern schon bei 20–30 Prozent an die Säule zu fahren. Das reduziert das Risiko, in eine Situation zu geraten, in der die Reichweite knapp wird und die Ladung ewig dauert.
Praxistipps für den Winter-Alltag
Mit diesen bewährten Tipps holen Sie im Winter das Maximum aus Ihrem Elektroauto heraus:
Sitzheizung statt Luftheizung
Die Sitzheizung verbraucht nur ca. 50–100 Watt pro Sitz, während die Luftheizung 2–5 kW zieht. Wärmen Sie zuerst die Sitze und das Lenkrad und reduzieren Sie die Luftheizung auf 18–19 °C. Der gefühlte Komfort ist fast identisch, aber der Reichweitengewinn beträchtlich – bis zu 10 Prozent.
ECO-Modus einschalten
Der ECO-Modus begrenzt die Motorleistung und optimiert die Nebenverbraucher. Im Stadtverkehr merken Sie kaum einen Unterschied in der Fahrleistung, aber die Reichweite steigt um 5–10 Prozent. Besonders bei Kurzstrecken im kalten Stadtverkehr lohnt sich das enorm.
Garage nutzen, wenn möglich
Eine Garage – selbst unbeheizt – hält die Batterie 5–10 °C wärmer als im Freien. Das macht sich sowohl bei der Reichweite als auch bei der Ladegeschwindigkeit bemerkbar. Wenn Sie die Wahl haben, parken Sie immer in der Garage.
Reifendruck prüfen
Bei fallenden Temperaturen sinkt der Reifendruck (ca. 0,1 bar pro 10 °C). Zu niedriger Reifendruck erhöht den Rollwiderstand und kostet Reichweite. Prüfen Sie den Druck mindestens alle zwei Wochen und stellen Sie ihn auf den vom Hersteller empfohlenen Winterwert ein.
Laden zuhause priorisieren
Zuhause an der eigenen Wallbox zu laden ist im Winter besonders vorteilhaft: Sie starten morgens mit voller, vortemperierter Batterie und sparen sich den Umweg zur öffentlichen Säule bei Eisregen und Dunkelheit. Außerdem ist der Strom zuhause in der Regel deutlich günstiger als an öffentlichen Ladern.
Winter-Checkliste für E-Auto-Fahrer
- □ Vorklimatisierung per App oder Timer eingerichtet
- □ Ladelimit auf 85–90 % erhöht
- □ Sitzheizung und Lenkradheizung statt Luftheizung
- □ ECO-Modus für den Stadtverkehr aktiviert
- □ Reifendruck geprüft und angepasst
- □ Ladekabel immer im Auto (für öffentliche AC-Lademöglichkeiten)
- □ Batterie-Vortemperierung für Langstrecke aktiviert
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Häufig gestellte Fragen
Wie viel Reichweite verliert ein Elektroauto im Winter?
Im Durchschnitt verlieren Elektroautos im deutschen Winter 20–30 Prozent ihrer WLTP-Reichweite. Modelle mit Wärmepumpe liegen eher bei 20–25 Prozent, Modelle ohne Wärmepumpe bei 28–35 Prozent. Bei extremer Kälte unter −15 °C kann der Verlust über 40 Prozent betragen.
Kann ich mein Elektroauto bei Minusgraden laden?
Ja, absolut. Laden bei Minusgraden ist sicher und schadet der Batterie nicht. Das Batteriemanagementsystem (BMS) reguliert die Ladeleistung automatisch. An der Wallbox (AC) ist der Unterschied kaum spürbar. Beim Schnellladen (DC) kann die Ladeleistung allerdings auf 20–30 Prozent des Maximums sinken, wenn die Batterie kalt ist.
Hilft eine Wärmepumpe beim Elektroauto im Winter?
Ja, erheblich. Eine Wärmepumpe nutzt Umgebungswärme und Abwärme aus dem Antrieb, um die Kabine zu heizen. Das ist 2–3 mal effizienter als eine reine Widerstandsheizung (PTC). Dadurch spart die Wärmepumpe im Winter 5–10 Prozent Reichweite. Beim Kauf eines Neuwagens lohnt sich die Option fast immer.
Sollte ich mein E-Auto im Winter höher laden?
Ja, im Winter ist es sinnvoll, das Ladelimit auf 85–90 Prozent statt der üblichen 80 Prozent zu setzen. Der zusätzliche Puffer gleicht den Reichweitenverlust durch Kälte aus. Die Mehrbelastung für die Batterie ist bei kalten Temperaturen minimal, da die Zellchemie ohnehin langsamer altert.