Brauche ich einen eigenen Stromkreis für die Wallbox?
Eine der häufigsten Fragen bei der Wallbox-Planung: Brauche ich wirklich einen eigenen Stromkreis? Die kurze Antwort: Ja, unbedingt. Und zwar nicht nur, weil die VDE-Normen es vorschreiben, sondern vor allem aus Sicherheitsgründen.
In diesem Ratgeber erklären wir, warum ein dedizierter Stromkreis unverzichtbar ist, welche Komponenten im Sicherungskasten benötigt werden und wie Ihr Elektrofachbetrieb die Installation fachgerecht umsetzt – inklusive Drehstrom, FI-Schutzschalter und Leitungsdimensionierung.
Warum ein eigener Stromkreis Pflicht ist
Die VDE 0100-722 schreibt unmissverständlich vor: Jeder Ladepunkt für Elektrofahrzeuge benötigt einen eigenen, dedizierten Stromkreis mit eigener Absicherung. Dafür gibt es mehrere gute Gründe:
Sicherheit bei Dauerlast
Eine Wallbox zieht über Stunden konstant hohe Ströme. Eine 11-kW-Wallbox belastet jede Phase mit 16 Ampere – stundenlang. Teilt sich dieser Stromkreis mit anderen Verbrauchern (Licht, Steckdosen, Werkzeuge in der Garage), kann die Gesamtlast den Leitungsschutzschalter auslösen – oder schlimmer: die Leitung überlasten, ohne dass die Sicherung rechtzeitig auslöst.
Fehlerschutz
Der Fehlerstromschutzschalter (FI/RCD) der Wallbox muss unabhängig von anderen Stromkreisen arbeiten. Teilt die Wallbox einen FI mit anderen Verbrauchern, kann ein Fehler an einem anderen Gerät den Ladevorgang unterbrechen – oder umgekehrt. Besonders kritisch: Wenn ein gemeinsamer FI bei einem Wallbox-Fehler auslöst, kann das auch Beleuchtung und Steckdosen in der Garage lahmlegen.
Normvorgabe und Versicherungsschutz
Ohne eigenen Stromkreis ist die Installation nicht normkonform. Das bedeutet:
- Der Netzbetreiber kann die Anmeldung ablehnen
- Die Gebäudeversicherung kann im Schadensfall Leistungen kürzen
- Die Herstellergarantie der Wallbox kann erlöschen
- Bei einem Unfall oder Brand drohen haftungsrechtliche Konsequenzen
Lastmanagement ermöglichen
Ein eigener Stromkreis ist auch Voraussetzung für dynamisches Lastmanagement. Nur wenn die Wallbox separat abgesichert ist, kann ein Energiemanagementsystem die Ladeleistung gezielt steuern – zum Beispiel für PV-Überschussladen oder zur Vermeidung von Hausanschluss-Überlastung.
Drehstrom vs. Wechselstrom: Was braucht die Wallbox?
In Deutschland sind die meisten Haushalte mit Drehstrom (Dreiphasenwechselstrom) versorgt: drei Phasen (L1, L2, L3) mit je 230 V gegen Null, und 400 V zwischen den Phasen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber Ländern mit nur einphasiger Versorgung.
Einphasig vs. dreiphasig laden
| Anschluss | Phasen | Max. Strom | Ladeleistung |
|---|---|---|---|
| Einphasig (Schuko/CEE blau) | 1 | 16 A | 3,7 kW |
| Dreiphasig (CEE rot / Wallbox) | 3 | 16 A | 11 kW |
| Dreiphasig (Wallbox 22 kW) | 3 | 32 A | 22 kW |
Schieflastgrenze beachten
In Deutschland gilt die Schieflastgrenze von 4,6 kVA (ca. 20 A auf einer Phase). Das bedeutet: Einphasiges Laden ist auf maximal 3,7 kW begrenzt. Wer mehr Leistung will, muss dreiphasig laden. Eine 11-kW-Wallbox verteilt die Last gleichmäßig auf drei Phasen (je 16 A) und bleibt damit deutlich unter der Schieflastgrenze.
Was tun ohne Drehstrom?
In seltenen Fällen (sehr alte Gebäude, bestimmte Anbauten) liegt nur einphasiger Strom am Stellplatz an. Optionen:
- Einphasige Wallbox mit 3,7 kW: Möglich, aber langsam. Lädt ca. 20 km Reichweite pro Stunde.
- Drehstromleitung nachrüsten: Der Elektriker verlegt eine 5-adrige Leitung vom Zählerkasten. Kosten: 200–600 € je nach Länge.
- Beim Netzbetreiber anfragen: In manchen Fällen kann der Hausanschluss auf Drehstrom umgerüstet werden.
Für die meisten Eigenheimbesitzer ist Drehstrom bereits vorhanden. Prüfen Sie Ihren Zählerkasten: Wenn Sie dort drei Reihen von Sicherungen (L1, L2, L3) sehen, haben Sie Drehstrom.
FI-Schutzschalter: Typ A, Typ A-EV oder Typ B?
Der Fehlerstromschutzschalter (FI, auch RCD genannt) ist die wichtigste Schutzkomponente im Wallbox-Stromkreis. Er erkennt, wenn Strom über den Körper oder die Erde abfließt, und schaltet innerhalb von Millisekunden ab. Doch FI ist nicht gleich FI.
Die verschiedenen FI-Typen
| FI-Typ | Erkennt | Preis (ca.) | Geeignet für Wallbox? |
|---|---|---|---|
| Typ A | Wechselfehlerströme + pulsierende Gleichfehlerströme | 30–60 € | Nur mit DC-Schutz in der Wallbox |
| Typ A-EV | Wie Typ A + glatte Gleichfehlerströme bis 6 mA | 100–150 € | Ja, mit DC-Schutz in der Wallbox |
| Typ B | Alle Fehlerströme inkl. glatte Gleichfehlerströme | 200–400 € | Ja, immer |
Welchen FI brauche ich?
Die Antwort hängt von Ihrer Wallbox ab:
- Wallbox mit integriertem DC-Fehlerstromschutz (6 mA): Ein Typ-A-FI (oder besser Typ-A-EV-FI) genügt. Das ist bei den meisten modernen Wallboxen der Fall (z. B. Easee Charge, go-eCharger, ABL eMH1, Heidelberg Wallbox Energy Control).
- Wallbox ohne DC-Schutz: Ein teurer Typ-B-FI ist zwingend erforderlich. Das betrifft einige ältere oder sehr günstige Modelle.
Der Preisunterschied ist erheblich: Ein Typ-A-EV-FI kostet ca. 100–150 €, ein Typ-B-FI ca. 200–400 €. Achten Sie beim Wallbox-Kauf also unbedingt darauf, ob ein DC-Fehlerstromschutz integriert ist – das spart bares Geld bei der Installation.
Auslösestrom: 30 mA
Der FI-Schutzschalter für die Wallbox muss einen Nenn-Fehlerstrom von 30 mA haben. Das ist der Standard für Personenschutz. Höhere Auslöseströme (100 mA, 300 mA) sind für den Brandschutz, nicht für den Personenschutz – und für Wallboxen nicht ausreichend.
Selektiver FI-Schutzschalter
Wenn Ihre Wallbox einen eigenen FI hat und im Haus ein weiterer FI als Hauptschalter verbaut ist, sollte der Haupt-FI selektiv (verzögert, Typ S) ausgeführt sein. So löst bei einem Fehler nur der Wallbox-FI aus, nicht der gesamte Haupt-FI – und der Rest des Hauses bleibt mit Strom versorgt.
Sicherungskasten: Platz und Kapazität prüfen
Bevor der Elektriker den neuen Stromkreis für die Wallbox legen kann, muss im Zählerschrank (Sicherungskasten) genügend Platz vorhanden sein. Hier ein Überblick, was Sie brauchen und was es kostet.
Platzbedarf im Zählerschrank
Für einen Wallbox-Stromkreis werden folgende Komponenten benötigt:
- 3-poliger Leitungsschutzschalter (LS): 3 Teilungseinheiten (TE)
- FI-Schutzschalter (4-polig): 4 TE
- Ggf. Schaltaktor für §14a EnWG: 1–2 TE
- Ggf. Überspannungsschutz: 3 TE
Insgesamt brauchen Sie mindestens 7–12 Teilungseinheiten freien Platz. Das entspricht etwa einer halben Reihe im Zählerschrank.
Was tun, wenn kein Platz ist?
In älteren Häusern ist der Zählerschrank oft voll belegt. Lösungen:
- Unterverteilung: Ein zusätzlicher Verteilerkasten wird neben oder unter dem Zählerschrank montiert. Kosten: 200–500 € inkl. Material und Montage.
- Zählerschrank-Erneuerung: Bei sehr alten Schränken (Schraubsicherungen, kein FI) kann eine komplette Erneuerung sinnvoll sein. Kosten: 800–2.500 €.
- Kombigeräte: FI/LS-Kombischalter (RCBO) sparen Platz, da FI und LS in einem Gerät vereint sind (4 TE statt 7 TE). Allerdings sind sie teurer (ca. 150–250 €).
Absicherung des Hausanschlusses
Prüfen Sie die Hauptsicherung Ihres Hausanschlusses:
- 35 A (pro Phase): Ausreichend für 11 kW Wallbox + normalen Haushalt, kann aber bei gleichzeitiger Nutzung von Herd, Durchlauferhitzer und Wallbox knapp werden. Lastmanagement empfohlen.
- 50 A (pro Phase): Komfortabel für 11 kW, reicht auch für 22 kW bei moderatem Haushaltsverbrauch.
- 63 A (pro Phase): Viel Reserve – hier ist auch eine 22-kW-Wallbox kein Problem.
Wenn Ihre Hauptsicherung nicht ausreicht, können Sie beim Netzbetreiber eine Erhöhung des Hausanschlusses beantragen. Das ist allerdings teuer (500–3.000 €) und dauert mehrere Wochen. In den meisten Fällen ist dynamisches Lastmanagement die günstigere Alternative.
Kabelquerschnitt und Leitungslänge richtig berechnen
Die Zuleitung zur Wallbox muss für die Dauerlast dimensioniert sein und den Spannungsabfall in akzeptablen Grenzen halten (max. 3 % nach VDE 0100-520). Ein zu dünnes Kabel erwärmt sich übermäßig und ist brandgefährlich. Ein zu dickes Kabel ist teurer als nötig.
Empfohlene Kabelquerschnitte
| Wallbox-Leistung | Strom/Phase | Bis 15 m | 15–30 m | Über 30 m |
|---|---|---|---|---|
| 3,7 kW (1-phasig) | 16 A | 2,5 mm² | 4,0 mm² | 6,0 mm² |
| 11 kW (3-phasig) | 16 A | 2,5 mm² | 4,0 mm² | 6,0 mm² |
| 22 kW (3-phasig) | 32 A | 6,0 mm² | 10,0 mm² | 10,0 mm² |
Für eine 11-kW-Wallbox wird typischerweise ein NYM-J 5×2,5 mm² (Innenbereich) oder NYY-J 5×2,5 mm² (Erdverlegung) verwendet. Bei längeren Strecken entsprechend 5×4,0 mm².
Verlegeart beeinflusst den Querschnitt
Die Art der Kabelverlegung beeinflusst die Belastbarkeit. Kabel in Wärmedämmung oder gebündelt mit anderen Leitungen können Wärme schlechter abführen und müssen daher eine Stufe größer dimensioniert werden. Ihr Elektriker berechnet das nach den Verlegeart-Tabellen der VDE 0100-520.
5-adrig ist Standard
Für eine dreiphasige Wallbox brauchen Sie ein 5-adriges Kabel:
- L1, L2, L3: Drei Phasenleiter (braun, schwarz, grau)
- N: Neutralleiter (blau)
- PE: Schutzleiter/Erde (grün-gelb)
Sparen Sie nicht am Kabelquerschnitt. Der Preisunterschied zwischen 2,5 mm² und 4,0 mm² beträgt nur wenige Euro pro Meter – aber die zusätzliche Sicherheitsreserve ist unbezahlbar.
Was kostet der eigene Stromkreis für die Wallbox?
Die Kosten für den dedizierten Stromkreis machen einen wesentlichen Teil der Gesamtinstallationskosten aus. Hier eine detaillierte Aufschlüsselung:
Materialkosten
| Komponente | Preis |
|---|---|
| Leitungsschutzschalter (3-polig, B16) | 15–30 € |
| FI-Schutzschalter Typ A-EV (4-polig, 30 mA) | 100–150 € |
| Alternative: FI Typ B (4-polig, 30 mA) | 200–400 € |
| Kabel NYM-J 5×2,5 mm² (pro Meter) | 3–5 € |
| Kabel NYM-J 5×4,0 mm² (pro Meter) | 5–8 € |
| Kabelkanäle / Befestigungsmaterial | 30–80 € |
| Überspannungsschutz (optional) | 40–80 € |
Arbeitskosten
Der Stundensatz eines Elektrofachbetriebs liegt in Deutschland bei 60–90 € netto. Für die Installation eines Wallbox-Stromkreises rechnen Sie mit:
- Einfache Installation (Zählerschrank in der Nähe): 2–3 Stunden = 120–270 €
- Mittlere Installation (10–20 m Kabelweg): 3–5 Stunden = 180–450 €
- Aufwendige Installation (Wanddurchbrüche, Erdverlegung): 5–8 Stunden = 300–720 €
Gesamtkosten (nur Stromkreis, ohne Wallbox)
| Szenario | Material | Arbeit | Gesamt |
|---|---|---|---|
| Einfach (kurzer Weg, FI Typ A-EV) | 170–280 € | 120–270 € | 290–550 € |
| Mittel (längerer Weg, FI Typ A-EV) | 220–400 € | 180–450 € | 400–850 € |
| Aufwendig (Erdverlegung, FI Typ B) | 350–700 € | 300–720 € | 650–1.420 € |
Dazu kommen die Kosten für die Wallbox selbst (300–800 € für 11 kW) und deren Montage (100–200 €). Eine Übersicht der Gesamtkosten finden Sie in unserem Ratgeber zur Wallbox-Installation zuhause.
Spartipp: Alles in einem Termin
Lassen Sie Stromkreis und Wallbox-Montage in einem Termin erledigen. Viele Elektrofachbetriebe bieten Komplettpakete an, die günstiger sind als einzelne Beauftragungen. Holen Sie mindestens drei Angebote ein – die Preisunterschiede können erheblich sein.
Mit unserem Ladekosten-Rechner können Sie berechnen, wie schnell sich die Investition in Wallbox und Stromkreis amortisiert.
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Häufig gestellte Fragen
Brauche ich einen eigenen Stromkreis für die Wallbox?
Ja, zwingend. Die VDE 0100-722 schreibt vor, dass jeder Ladepunkt einen eigenen, dedizierten Stromkreis mit eigener Absicherung (Leitungsschutzschalter + FI-Schutzschalter) haben muss. Das ist keine optionale Empfehlung, sondern eine verbindliche Norm.
Welchen FI-Schutzschalter brauche ich für die Wallbox?
Das hängt von Ihrer Wallbox ab. Hat sie einen integrierten DC-Fehlerstromschutz, genügt ein FI Typ A-EV (100–150 €). Ohne integrierten DC-Schutz brauchen Sie einen teuren FI Typ B (200–400 €). Prüfen Sie das Datenblatt Ihrer Wallbox vor dem Kauf – die meisten modernen Modelle haben den DC-Schutz integriert.
Reicht ein 35-A-Hausanschluss für eine Wallbox?
Für eine 11-kW-Wallbox (16 A pro Phase) reicht ein 35-A-Hausanschluss in der Regel aus, kann aber bei gleichzeitigem Betrieb von Herd, Durchlauferhitzer und Wallbox knapp werden. Empfehlung: Ein dynamisches Lastmanagement einsetzen, das die Wallbox automatisch drosselt, wenn die Gesamtlast kritisch wird.
Was kostet ein eigener Stromkreis für die Wallbox?
Der eigene Stromkreis (ohne Wallbox) kostet zwischen 290 und 1.420 €, je nach Kabelweg, FI-Typ und Aufwand. Eine einfache Installation mit kurzem Kabelweg und FI Typ A-EV liegt bei 290–550 €. Bei langen Wegen oder nötigem Zählerschrank-Umbau steigen die Kosten entsprechend. Berechnen Sie die Amortisation mit unserem Ladekosten-Rechner.
Kann ich die Wallbox an einen bestehenden Stromkreis anschließen?
Nein. Das Teilen eines Stromkreises mit anderen Verbrauchern ist nach VDE 0100-722 nicht zulässig und stellt ein Sicherheitsrisiko dar. Jede Wallbox braucht einen eigenen Leitungsschutzschalter und einen eigenen FI-Schutzschalter. Eine Ausnahme gibt es nicht.